17. Februar Hansa48 – Infoveranstaltung mit Michael Schiffmann in Kiel

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Der folgende Text stammt von Michael Schiffmann und soll ein paar einleitende Worte zu seinem Vortrag geben:

Der Kampf um Mumia Abu-Jamal und gegen die Todessstrafe

9. Dezember 1981 – wann war das nochmal? Viele von denen, die diese Veranstaltungsan-kündigung lesen werden, waren damals noch nicht einmal geboren, andere ganz jung, und wieder andere, obwohl schon älter, werden sich kaum an diesen konkreten Monat erinnern…

Ganz anders für den afroamerikanischen Häftling 8335 im Staatsgefängnis SCI Greene in Waynesburg, Pennsylvania, namens Mumia Abu-Jamal, der dort seit 1995 im Todestrakt sitzt, dem Flügel des Gefängnisses also, der den zur Hinrichtung durch die Giftspritze vorgesehe-nen, angeblich ganz besonders schlimmen Gefangenen vorbehalten ist.

Mumia Abu-Jamal, in den sechziger, siebziger und frühen achtziger Jahren in seiner Heimat-stadt Philadelphia erst als Mitbegründer der dortigen Ortsgruppe der Black Panther Party und dann als radikaler Journalist bekannt, befindet sich seit dem 9. Dezember 1981 im Gefängnis – im Dezember 2011 werden das volle dreißig Jahre.

Mumia (der ursprünglich Wesley Cook hieß und im Rahmen der historischen Rückbesinnung vieler Schwarzer in den USA einen afrikanischen Namen angenommen hatte) und sein Bruder Billy Cook werden dieses Jahr, diesen Monat und diesen Tag bestimmt nie vergessen.

In den frühen Morgenstunden des 9. Dezember 1981 wurde Billy Cook, der mit seinem Auto unterwegs war, von einem weißen Polizisten angehalten und brutal geschlagen. Sein Bruder Mumia, der im Nebenberuf als Taxifahrer arbeitete, war zufällig in der Nähe, sah die Vorgän-ge und eilte Billy zu Hilfe. Schüsse fielen, und zwanzig Sekunden später war der Polizist tot und Mumia mit einem Schuss in die Brust lebensgefährlich verletzt.

Sowohl Mumia als auch Billy wurden vom Fleck weg verhaftet, aber während Billy das zwei-felhafte Glück hatte, „nur“ wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt angeklagt zu werden, und bald aus dem Gefängnis entlassen wurde, wurde Mumia noch im Haftkrankenhaus wegen Mordes angeklagt.

Im Juni und Juli 1982 wurde er dann vor Gericht gestellt, von der Jury für schuldig befunden und zum Tode verurteilt. Die Zeit seit formeller Bestätigung dieses Juryspruchs im Mai 1983 hat er in verschiedenen Todestrakten der Gefängnisse des Bundesstaats Pennsylvanias ver-bracht, seit 1995 in SCI Greene, wo er bis zum heutigen Tag in Einzelhaft sitzt.

Zwei Hinrichtungsbefehle 1995 und 1999 wurden aufgrund gerichtlicher Schritte und interna-tionaler Proteste am Ende doch nicht ausgeführt.

Seit vielen Jahren kämpft eine weltweite Bewegung nicht nur für die Aufhebung seines To-desurteils, sondern auch um einen neuen Prozess und die Freilassung Mumia Abu-Jamals.

Warum ist dieser eine Fall eines Todeshäftlings in den USA so wichtig? Der Fall Mumia Abu-Jamals ist deshalb so bedeutend, weil sich in ihm alles konzentriert, was an der Todesstrafe falsch ist, und weil bei ihm noch erschwerend hinzu kommt, dass hier, vergleichbar mit Staaten wie Tunesien, Ägypten oder dem Jemen politische Justiz an einem Menschen geübt werden soll, nicht weil er des ihm vorgeworfenen Verbrechens schuldig ist, sondern weil er es gewagt hat, Kritik am Staat, an den sozialen Verhältnissen und am Establishment zu üben.

Mumia Abu-Jamal ist heute an dem schrecklichen Ort, an dem er ist, weil er

• wie die überwältigende Mehrheit der US-Häftlinge vor allem im Todestrakt zur Zeit seiner Verhaftung arm war und sich keine angemessene Verteidigung leisten konnte
• als Afroamerikaner von Polizei, Staatsanwaltschaft und Gerichten systematisch be-nachteiligt wurde und wird und
• weil er vor, während und nach der Zeit seiner Verhaftung und seines Prozesses nie aufgehört hat, die Verhältnisse in den USA radikal zu kritisieren.

Die Veranstaltung soll dazu dienen, anhand des konkreten Falls von Mumia Abu-Jamal zu diskutieren über:

• rassistische und Klassendiskriminierung im Strafrecht
• den ausufernden Strafwahn in der US-Gesellschaft, der dort dazu geführt hat, dass 2,5 Millionen Menschen hinter Gittern sitzen, mehr als in jedem anderen Land der Welt
• das Unrecht der Todesstrafe, das – wie in seinem Fall – das Risiko einer Hinrichtung von Unschuldigen einschließt

All diese Fragen sind keineswegs nur in den USA, sondern auch in Europa und Deutschland relevant, wird doch auch hier der Ruf nach der Ausgrenzung bestimmter sozialer und ethni-scher Gruppen, nach immer härteren Strafen und sogar auch nach der Todesstrafe immer lau-ter. Was wir heute in Amerika sehen, könnte sehr bald auch hier Realität werden.

Unser Referent Michael Schiffmann beschäftigt sich seit Jahren mit diesen Fragen, hat den Fall Mumia Abu-Jamals vor diesem Hintergrund eingehend studiert und ist aufgrund seiner Recherchen fest von der Unschuld Mumias überzeugt. Letztes Jahr hat er zusammen mit zwei Freunden Mumia Abu-Jamal sechs Stunden lang im Todestrakt des Gefängnisses SCI Greene besucht. Über all das wird er auf der Veranstaltung etwa eine Stunde lang u.a. mit Bildern und Videos berichten; danach besteht die Möglichkeit freien Gesprächs.